Haltungsempfehlung

THB
(Testudo hermanni Gmelin, 1789)


Vorwort

Meine Haltungsempfehlung gilt ausschießlich nur für Testudo hermanni boettgeri und Testudo marginata. Wer sich für einer dieser beiden Arten entschieden hat, darf meine Empfehlung gerne umsetzen. Alle anderen wenden sich doch bitte an die jeweiligen Halter/Züchter, oder informieren sich über Bücher oder andere Internetseiten.



Grundsätzliches

Das Hobby ist nicht nur kostspielig, sondern stellt auch hohe Anforderungen an Platz und Sachkunde dar. Grundsätzlich lässt sich sagen: Erst informieren, dann handeln. Und man bedenke: Die Tiere haben eine Lebenserwartung von 100 Jahren und mehr. Die Herkunft der Tiere ist zu berücksichtigen, da sich eine Schildkröte nicht an unser Klima anpassen kann, viel mehr müssen wir für klimatischen Bedingungen sorgen, wie sie im natürlichen Biotop vorkommen. Ob man die Tiere nun im Haus oder im Garten hält, ist jedem selbst überlassen, ich empfehle hier ausschließlich die Haltung im Garten. Das heisst nicht, dass eine Unterbringung im Haus nicht ebenso möglich ist, jedoch sollte man die technischen Anforderungen nicht unterschätzen. Ich sehe es als Herausforderung an, die klimatischen Bedingungen (sonnig/feucht/warm) im Haus zu simulieren, daher rate ich zur Freilandhaltung.


Unterbringung

Zuerst wird ermitelt, wieviel Platz für die Tiere zu reservieren ist. Wenn dieser Platzbedarf modular im Garten errichtet werden kann, ist es umso besser, denn später kann man so den Platz durch leichtes Verschieben oder Umgestalten erweitern/verändern.


Gehege
(Ein Teil meines Geheges)


Da die Tiere viel Sonne benötigen, wäre der sonnigste Platz im Garten für die Schildkröten auszusuchen. Bei Jungtieren nicht zuviel Platz einkalkulieren, da kleine Tiere in einem großen Gehege förmlich untergehen und damit schwieriger auffindbar sind. Bei erwachsenen Tieren sind keine Limits gesetzt. Eine für Schildkröten ausbruchsichere Gehegeumrandung lässt sich mit Steinen, aus Holz oder anderen Werkstoffen errichten. Mehr als 50cm Höhe sind dabei nicht notwendig. Für den Boden ist kein spezielles Einstreu notwendig, denn Gartenerde stellt bereits das Optimum dar. Für Jungtiere (bis 500gr) sollte ein Schutz von oben angebracht werden, ich verwende geknotete Netze aus Polypropylen, die sich bestens bewährt haben. Für die sichere nächtliche Ruhe, aber auch für Schlechtwetterphasen und Übergangszeiten, ist eine Unterkunft notwendig. Sehr gut bewährt haben sich stark isolierte Gewächshäuser und Frühbeete.


Frühbeet
(Eines meiner Schutzhäuser, mit untenliegender Überwinterungsgrube)


Ob Fertighaus oder Selbstbau spielt dabei keine Rolle, wichtig ist die Ausrichtung der Verglasung nach Südosten/Süden. Belüftung und Schattierungsmöglichkeiten sind eine Selbstverständlichkeit. Eine Überwinterungsgrube unterhalb eines Schildkrötenhauses einzurichten, wäre eine sinnvolle Überlegung, um somit den Tieren eine naturnahe Überwinterung zu ermöglichen. Für die Gestaltung des Geheges dient als beste Vorlage die Heimat der Tiere. Eine hügelige aber zu gleich mediterrane und gut strukturierte Landschaft bietet den Tieren ein naturnahes Erlebnis. Trink und Badeschalen, buschige Pflanzen, Wildkräuter, Steine, Hindernisse, Wurzelhöhlen, Korkröhren, Hügel und auch kleinere Bäume zeichnen ein gutes Gehege aus. Ein oder mehrere Eiablagestellen sollte bei halberwachsenen und erwachsenen Tieren ebenfalls nicht fehlen.


Eiablagehügel
(Ein gerne benutzter Eiblagehügel)


Nicht immer wird der Eiablagehügel von den Weibchen verwendet, eines meiner Weibchen legt auch gerne am Nektarinenbaum ab.


Ernährung

Die Tiere ernähren sich überwiegend vegetarisch. Das Futterspektrum ist relativ breit, daher ist es kaum möglich, alle Pflanzenarten aufzuzählen. Wichtig ist, dass sich die Tiere abwechslungsreich ernähren. Hier ein kleiner Auszug von Pflanzen, die gerne gefressen werden: Löwenzahn, Klee, Vogelmiere, Malven, Disteln, Wicke, Wegerich, Wegwarte, Ferkelkraut, Mohn, Brennessel, Pippau.


Löwenzahn
(sehr beliebtes Futter: Löwenzahn)


Zusätzlich muss der Kalziumbedarf mittels Sepiaschale, Algengrit und Eierschale gedeckt werden. Ab und zu ein Regenwurm oder andere tierische Nahrung wird toleriert. Es sollte jederzeit frisches Trinkwasser in einer flachen Schale angeboten werden. Die Tiere nutzen das Wasser jedoch nicht nur zum trinken, sondern auch zum baden oder um darin ihr Geschäft zu verrichten, daher ist das Wasser täglich zu wechseln.


Vermehrung

Für eine erfolgreiche Vermehrung sollte man Tiere der gleichen Art zumindest temporär zusammensetzen. Eine dauerhafte Gruppenhaltung kann funktionieren, muss aber nicht. Für die Weibchen wird es schnell zum Stress, wenn die Männchen dauerhaft um sie werben, und somit nicht zur Ruhe kommen. Meine Tiere der Art: Testudo hermanni boettgeri leben die meiste Zeit getrennt, d.h. die Geschlechter leben in unterschiedlichen Gehegen. Die Weibchen genießen es, sich in aller Ruhe sonnen zu können, zu fressen, aber auch um die Eier ungestört ablegen zu können.


Wenn es soweit kommen sollte, dass die Weibchen trächtig sind und Eier legen, so sind diese vorsichtig zu bergen. Ich verwende dazu einen Kunststoff-Löffel, einen Bleistift und eine Schüssel mit Erde. Grabe vorsichtig die Stelle aus, markiere die Eier mit dem Bleistift (z.B. X, O, Z, ..), nicht nur um damit zu bestimmen von welchem Weibchen die Eier stammen, sondern um auch die genaue Liegeposition zu markieren. Die Eier werden dann sofort in die Tupperschüssel oder Heimchendose vergraben, ebenfalls bestehend aus einem Erde/Sandgemisch. Das Ganze kommt dann in den Inkubator, bei mir Fabrikat: Bruja 400/Rd (digitaler Flächenbrüter für Reptilien).


Bruja
(Bruja 400/Rd)


Dort verweilen die Eier bei ungefähr 33 bis 33,5 Grad bis zu 50-70 Tage. Um vorwiegend Weibchen zu brüten bedarf es einer Temperatur von ca. 30,5 Grad. Ich brüte absichtlich höher, um die Wahrscheinlichkeit auf Weibchen zu erhöhen, auch mit dem Risiko, dass es vermehrt zu Anomalien kommt. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 60-70%. Ab dem 50ten Tag fange ich an, täglich zu prüfen ob etwas geschlüpft ist. Eine Durchleuchtung der Eier vermeide ich grundsätzlich. Wenn man alles richtig gemacht hat, darf man sich über wunderschöne und zugleich knuffige Babys freuen. Ein Erfolg von 100% Schlupfrate sollte das Ziel eines jeden Halters sein.


Aufzucht

Nachdem die Babys geschlüpft sind, werden diese von mir gebadet, gewaschen und mit einem Stift markiert. Ebenso Rücken und Bauchpanzeransicht fotografiert, als Unterlage ein Karoblatt. Verweilen dürfen die Tiere dann in einer sogenannten Kunststoffwanne.


Wanne
(Kunststoffwanne, hier erhältlich: www.industrieware.de)


Darin befindet sich Erde vom Garten, bisschen Grasbüschel und verschiedene Einrichtungsgegenstände wie Korkröhre, Bade/Trinkschale, Steinplatten und weitere Versteck und Klettermöglichkeiten. Die Wanne habe ich relativ nahe an einer Konvektionsheizung stehen, zudem an Fensternähe. Dazu gibt es noch künstliches Licht von oben, so hat sich HQI/HCI bei mir bewährt. Für weitere Informationen rundum Licht empfehle ich folgende Seite: www.testudolinks.de. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres können die Tiere ins Freiland mit Schutzhaus gebracht werden. Eine Vermischung mit alten Tieren vermeide ich.


Winterruhe

Ein wechselwarmes Tier ist abhängig der Umgebungstemperatur, da im Habitat die Temperaturen ebenfalls im Herbst zum Winter zunehmend sinken, sieht der natürliche Ablauf vor, dass die Tiere eine Winterruhe halten. Die meiner Meinung beste Möglichkeit stellt die Winterruhe im Gewächshaus / Frühbeet mit Überwinterungsgrube dar.


Wintergrube
(Aushebung der Überwinterungsgrube, also unterhalb des Schutzhauses)


D.h. es wird unterhalb des Schutzhauses eine Grube angelegt, die von außen und unten ein/ausbruchsicher ist. Diese wird auch zusätzlich isoliert, insgesamt 70-80cm tief. Die Tiere vergraben sich im Spätherbst, und müssen nicht noch einmal ausgegraben und woanderst hingebracht werden. Eine weitere Möglichkeit wäre die Kühlschrank bzw. Kellerüberwinterung, so wie ich es für Schlüpflinge praktiziere. Wichtig ist eine Temperatur von 3-6 Grad einzuhalten. Größere Schwankungen sollten auf Dauer vermieden werden. Die Tiere vergraben sich in aller Regel im November, und tauchen im März wieder auf. Bei Schlüpflingen kann man eine verkürzte Winterruhe von 1-2 Monaten durchführen.


Krankheiten

Jedes Jahr sollte eine Vorsorgeuntersuchung durchgeführt werden, mindestens eine Kotuntersuchung auf Parasiten. Ein guter Zeitpunkt wäre Ende August, damit noch genug Zeit für eine Behandlung vor Winterruhe besteht. Generell sind die Tiere jeden Monat kurz zu checken. Das Verhalten stetig zu beobachten ist eine Selbstverständlichkeit, andernfalls hat man das mit dem Hobby nicht ganz verstanden. Bei Auffälligkeiten wäre schnellstmöglichst ein schildkrötenerfahrener Tierarzt zu konsultieren. Einige Tierärzte bitte aus folgendem Link entnehmen: tierarzt.schildkroeten.com


Rechtliches

Europ. LSK wie Testudo hermanni und Testudo marginata sind als Anhang A geführt, was das zu bedeudet hat, kann hier nachgelesen werden: www.bfn.de. Bei uns in Baden-Württemberg gibt es eine Meldepflicht, d.h. Zu – und Abgänge sind unverzüglich, jedoch spätestens innerhalb eines Monats, eigene Nachzuchten innerhalb von drei Monaten zu melden. Auch die Abgabe, der Tod eines Tiers oder der Standortwechsel der Tierhaltung (in der Regel verbunden mit dem Umzug des Halters) sind zu melden. Gemeldet werden muss in jedem Fall die Anzahl, die Art, Geschlecht, Alter und besondere Kenn-zeichen der Tiere, wann und von wem (mit vollständiger Adresse) ein Tier erworben wurde und wann und an wen (mit vollständiger Adresse) ein Tier abgegeben wurde. Auch muss eine Fotodokumentation angelegt werden. D.h. die Tiere sind formatfüllend und zentral von oben zu fotografieren. Die Fotos sollten das Format 9 X 11 cm (ggf. zurechtschneiden) haben, Überbelichtungen und Schatten sind zu vermeiden. Als Unterlage sollten kariertes oder schachbrettgemustertes Papier verwendet werden. Andernfalls ist neben das Tier ein Maßstab zu legen. Weitere Informationen und die notwendigen Formulare bekommt man bei seiner Artenschutzbehörde.

aktualisiert am 20.Sep.2009